Vor langer Zeit gab es Dich. Du warst aus Liebe gemacht. Du wusstest,
dass alles Andere und alle Anderen auch aus dieser Liebe
bestehen. Du wusstest, wie Du diese Liebe auf natürliche Art und
Weise ausdrücken konntest. Dadurch hast Du das Leben als ein
großartiges Abenteuer erfahren, in dem Alles mit Allem in Liebe
verbunden war, und in dem alle Deine Handlungen ein beständiger,
freudiger Ausdruck Deines liebevollen Du-Seins waren.
Was geschah? Wohin bist Du entschwunden?
Wie sich herausstellt, ist das Wohin Deines Weggehens eng
mit dem Warum Deines Weggehens verbunden. Dein aus Liebe
bestehendes Du stellte fest, dass es von den Dich umgebenden
Wesen – insbesondere von Deinen Eltern – nicht mehr jene Art
von Liebe erfuhr, derer Du bedurft hättest. Lange bevor Du ihnen
begegnet warst, hatten auch sie, erschöpft und innerlich zerrissen,
ihre wahre Identität verloren. Das war genauso wenig ihre
Schuld, wie Du schuldig warst, Deine eigene wahre Identität verloren
zu haben, denn auch sie hatten in ihrer Kindheit mit ihren
Eltern vor demselben Problem gestanden, wie mehr oder weniger
jeder Mensch seit dem Anbeginn der Zeit. Obwohl sie ihre eigenen
Identitäten lange vor ihrer Elternschaft verloren hatten, stellt die
Tatsache, dass sie Dich auf die beste Art und Weise geliebt haben,
die sie selbst kannten, einen Beweis und eine Würdigung für die Tiefe
dieser Liebe dar, aus der wir alle bestehen. Insofern hat Dich das Leben
irgendwann in der Vergangenheit betrogen. Du hast erfahren
müssen, dass Deine eigene Spezies, anders als Bäume, Tiere oder
die Sterne, sich kaum so verhalten, als wäre sie mit allem anderen
verbunden und bestünde aus Liebe. Tatsächlich hat jemand
irgendwann etwas mit Dir gemacht – oder zu machen versäumt –
wodurch Dein Gefühl des Wirklichseins verlorenging.
Inzwischen hast Du fast vergessen, welche Qual dies in Dir
ausgelöst hatte. Damals schmerzte es so sehr, dass es kaum zu
begreifen war, denn Du kanntest keine andere Realität, mit der
Du diese Erfahrung hättest vergleichen können. Um den Schmerz
erträglich zu gestalten, musstest Du Dich in jemand anderen verwandeln,
während das wirkliche Du sich tief in Deinem Inneren
verbarg. Und mit dieser Flucht ins Verborgene ging auch Dein
Gewahrsein Deiner Einheit mit der alles verbindenden Liebe verloren.
Dadurch hast Du Dich selbst aufgespalten und zwei Identitäten
geschaffen: das Du, mit dem Du geboren wurdest, und das
neue »du«, zu dem Du werden musstest, um überleben und funktionieren
zu können. Weil Deine Eltern sich bereits in ihrer abgespaltenen
Identität befanden, haben sie Dich aus Mangel an Verbindung
zu ihrer eigenen Ursprünglichkeit unbewusst im falschen
»du« bestätigt. Sie wollten Dich vor Leid bewahren, deshalb haben
sie Dich in unschuldiger Unbewusstheit zu Deinem falschen »du«
ermutigt, damit Du das Leben auf die Art und Weise bewältigen
konntest, die sich mit ihren Vorstellungen der Realität in
Übereinstimmung
befanden. Seitdem hast Du zumeist unbewusst dieses
verloren gegangene, aus Liebe bestehende Du gesucht. Was auch
immer Du zu erreichen suchst, sei es Reichtum, Macht, Wissen,
Erfolg, einen Partner, die Erleuchtung oder Gott – in Wirklichkeit
suchst Du nur Deine authentische Identität. Da man Dir nie vermittelt
hat, wie tief Du durch diese Aufspaltung Deiner Identität
aus Deinem Unterbewusstsein heraus bestimmt wirst, konnte es
so gut wie unbemerkt alle Deine Programme zur Lebensbewältigung
steuern. Was wir aus Gewohnheit als das »Böse« bezeichnen,
ist einfach nur ein Produkt dieser Gespaltenheit und des Verlustes
unseres ursprünglichen Selbst. Wenn Du jene Vorgänge in Dir
oder in anderen erforschen würdest, die man als böse bezeichnet,
würdest Du immer wieder auf diesen Schmerz, diese Agonie
und dieses Gefühl von Verrat stoßen, die aus dem Verlust unserer
ursprünglichen Identität und seiner Liebesessenz herrühren.
Vor langer Zeit, als die Menschen sich dieser inneren Gespaltenheit
noch unbewusster waren, als sie es heute sind, glaubten
sie an Dämonen und Teufel. Sie projizierten ihre Gespaltenheit
auf ihr äußeres Gottesbild, indem sie zu Gott als Quelle ihrer verloren
gegangen Identität aufschauten, damit er sie vor Dämonen
und Teufeln schützen möge, anstatt diese Quelle in sich selbst zu
erkennen. Allen östlichen oder westlichen Religionen oder spirituellen
Sichtweisen wohnt diese künstliche Gespaltenheit inne,
denn sie wurden alle von unbewusst in sich gespaltenen Menschen
begründet. Ihre Interpretationen der Realität bestanden
darin, unsere Menschlichkeit von unserer Göttlichkeit abzuspalten.
Ihre Lehren besagen, dass der einzige Weg zurück zum wirklichen
Du oder zur Liebe oder zu Gott darin besteht, die Zustände
des sogenannten Himmels, des Paradieses, der Erleuchtung, des
Wissens oder des Nirwana nicht im eigenen dualistischen persönlichen
Selbst, sondern im Äußeren zu suchen. Ist Dir schon
aufgefallen, dass die Schriften lehren, das Reich Gottes inwendig
in Dir zu suchen, Du in der Praxis aber vermittelt bekommst, Du
solltest Dich ohne dieses Du auf diese Suche begeben? Im Namen
der Religion oder der Spiritualität hat man Dir beigebracht, Dich
der negativen Aspekte Deiner menschlichen Identität oder des
Gebrauchs bestimmter Körperteile schuldig zu fühlen, oder aber
diese Bereiche zu transzendieren, Dich von Deiner Menschlichkeit
oder Deinem Ego abzuspalten, um das zu erfüllen, was Gott,
die Non-Dualität oder das Einssein als angeblichen Preis dafür
einfordert, »Es« zu verwirklichen. Der einzige Grund, weshalb
alle religiösen und spirituellen Traditionen diese Gespaltenheit
verkünden, besteht darin, dass ihre Begründer sich ihres eigenen
unsichtbaren Mechanismus der Spaltung nicht gewahr waren,
den sie selbst unbewusst aus dem Mangel erschufen, dass sie nicht
von ihren Eltern in der Kindheit jene verlässliche, ausdrucksvolle
Realität des Seins erfahren haben, die durch eine gefühlte Liebe
hervorgebracht wird.
Wir alle vergessen, dass wir uns gespalten haben, weil unsere
zweite Identität diese Form der Amnesie erzeugt. Das tut sie, um
uns vor dem Schmerz des Mangels an Liebe zu schützen. Also
ist Dein zweites Du nicht schlecht, sondern im Gegenteil Dein
erster, bester Freund, der immer bestrebt war, Dein Leid zu mindern.
Das bedeutet, dass Deine Scheinidentität Dich liebt. Das ist
nicht besonders verwunderlich, da Du ja völlig aus Liebe bestehst.
Die Liebe erschuf einfach diese erste Schutzstruktur gegen den
Schmerz des Mangels an Liebe. Nur das Licht kann einen Schatten
werfen. Das erwies sich aber als eine größere Herausforderung, als
Dein falsches Du erwartet hatte. Um der Tatsache vorzubeugen,
dass das Leben Deiner wahren Natur – die aus Liebe besteht und
nach Liebe strebt – nicht gerecht werden kann, entwickelte es sich
zu einem schützenden Wächter über alle deine Persönlichkeitsaspekte,
die diese Liebe brauchen, aber in Ermanglung ihrer Erfüllung
die Erfahrung von Schmerz, Angst, Wut, Kontrolle, Depression,
Scham, Urwertlosigkeit und Urabgespaltenheit erleiden müssen. Ein
Teil seiner Wächterrolle besteht darin, selbst positive Aspekte wie
Dein Ego, Deinen Erfolg oder Dein spirituelles Streben als Drogen
zu instrumentalisieren, um den Schmerz Deiner wahren Identität
zu betäuben. Unsere unzähligen Scheinidentitäten sind so erfolgreich
gewesen, dass sie jetzt die Agenden aller weltlichen, künstlerischen,
sportlichen, akademischen, wissenschaftlichen, philosophischen,
religiösen und spirituellen Arenen in dieser Welt
bestimmen. Und weil Dich dieses falsche Du so sehr liebt und sich
so intensiv der Linderung Deines Leids verpfl ichtet fühlt, wird es
sich mit aller Macht jedem Deiner Versuche widersetzen, Dich aus
seiner Umklammerung zu lösen, sobald Du Dich wieder mit Deinem
wahren Du zu vereinigen suchst.
Vor nicht allzu langer Zeit gelangten einige Menschen zu der
nachvollziehbaren Erkenntnis, dass die Religion durch die Art
und Weise, wie sie Spaltungen hervorruft, unsere Probleme eher
vermehrt als löst. Um das zu ändern, schufen sie eine humanistisch
orientierte Psychologie, die das menschliche Sein neu
bewertete. Obwohl sie richtig erkannten, dass die bestehenden
religiösen und spirituellen Prämissen begrenzt sind, machten sie
den Fehler, noch einen Schritt weiterzugehen und alle mystischen
und spirituellen Aspekte unseres Lebens einfach nur als Projektionen
unserer Probleme darzustellen, die keinen Bezug zur Realität
besäßen. Dadurch erschufen sie nur eine weitere Version der
Gespaltenheit, indem sie uns von unserer wahren Natur als
verkörperlichte
Liebe Gottes abtrennten. Um diesen leer gewordenen
Platz zu füllen, lehrten sie, dass wir einfach nur ein Produkt aus
Protoplasma und Gehirnzellen seien. Infolgedessen erschufen
ihre falschen Identitäten psychologische Prinzipien, mithilfe
derer sie sich ineffektive Scheingefechte mit ihrem falschen Du
liefern, das in Wirklichkeit aber weiterhin die volle Kontrolle über
sie ausübt. Das geschah, weil ihre Scheinidentitäten sicherstellten,
dass ihre Prinzipien sich nur mit den Symptomen ihrer eigenen
Scheinidentität auseinandersetzten, und nicht mit der ursächlichen
Tatsache, dass ihr wahres Du durch den Mangel an Bestätigung
und Anerkennung seiner liebeserfüllten Gottesnatur in
ihrer Kindheit tiefe Verletzungen erfahren hat. So hat die Abspaltung
des falschen Du vom wahren Du die Zwillingstragödien der
Menschheit verur sacht. Die religiös-spirituelle Vorgehensweise
besteht darin, Dich von einem vermeintlich negativen menschlichen
Aspekt abzuspalten, um Dein wahres Du zu verwirklichen,
während die psychologisch-intellektuell-humanistische Strategie
darin besteht, Dich von Deiner göttlichen Identität zu trennen,
damit Du Dein Menschsein verwirklichen kannst. Beide glauben
die richtige Antwort zu besitzen, verfehlen das Ziel aber von
verschiedenen
Ausgangspunkten durch ihre Sichtweisen.
Findest Du nicht auch, dass die Zeit reif ist, um ein spirituelles
Paradigma zu initiieren, in dem betont wird, dass Deine wirkliche
Identität aus göttlicher Liebe besteht und dass emotionale Verletzungen
an ihrem Ursprung geheilt und nicht nur Symptome
behandelt werden sollten? Und ist es nicht an der Zeit, einen
spirituellen Prozess zu beginnen, der Dir aufzeigt, wie Du Deine
wahre Liebesidentität wiedererlangen kannst, indem Du Deine
Scheinidentität so sehr anerkennst und liebst, dass sie schließlich
dem Leben und der Liebe wieder vertrauen und ihre Vorstellung
loslassen kann, Dich vor unerträglichem Leid bewahren zu müssen?
Und meinst Du nicht auch, dass die Zeit für ein spirituelles
Paradigma gekommen ist, das nicht nur lehrt, dass Gott sich in
Dir befi ndet, sondern auch den Prozess aufzeigt, um diese Realität
zu erfahren? Du bestehst aus göttlicher Liebe und nicht aus der
Erbsünde oder aus Unwissenheit oder aus Illusion und der Weg zu
ihrer Verwirklichung besteht nicht darin, Dich von Deinem Ego
oder deiner Menschlichkeit abzuspalten, sondern darin, sie Dir
ganz zu eigen zu machen. Ist es nicht Zeit, dass wir unsere tief
sitzende Angst heilen, anstatt uns in westlichen Traditionen von
Schuld und Sünde oder östlichen Traditionen einer Transzendierung
des Egos zu verlieren?
Wenn Du Deinen verlorenen Liebeskern wiedergefunden
hast, kannst Du stromaufwärts reisen, um den lebendigen Gott
als Ursprungsquelle Deines Lebensstroms zu erfahren und darin
einzutauchen. Die einzige Möglichkeit, in den Lebendigen Gott
einzutauchen,
besteht darin, zuerst in Dein eigenes, ursprüngliches Selbst
einzutauchen. Du kannst Gottes Liebe nicht fi nden, indem Du die
Erfahrung Deiner eigenen, innewohnenden Liebe überspringst,
denn das Zweite ist nur eine kleinere Version des Ersten. Wenn Du
die Liebe nicht in Dir entdeckst und Dich selbst nicht als Bestandteil
dieser Liebe erfährst, wirst Du nie die Liebe Gottes fi nden. Du
bist ein Teil Gottes und von »Es« nicht getrennt. Man kann das
nicht spalten, was nie gespalten war, und erwarten, damit das
Ganze zu verwirklichen. Alle westlichen und östlichen religiösen
Traditionen lehren das Gegenteil, dass Du Dich von Deiner
Menschlichkeit abspalten musst, um Gott oder die Erleuchtung
zu verwirk lichen und verleiten Dich damit zur Annahme ihres
falschen Gottes. Nur wenn all die falschen Götter in unserem
Leben gestorben und begraben sind, können wir dem Lebendigen
Gott begegnen, der nichts mit Glaube zu tun hat, da »Es« für die
kleinen Schub laden in unseren Köpfen viel zu gewaltig ist. Sobald
Du erfährst, dass Gott einfach »Ist«, brauchst Du nicht länger
an irgendeine Version von »Es« zu glauben. Du weißt dann, dass
»Es« Dich immer in Deiner ganzen Menschlichkeit gewollt hat,
und ständig darauf wartet, dass wir unsere Abgespaltenheit überwinden
und uns und »Es« als das Eine erkennen. Dann gäbe es
zwischen der Psychologie und der Spiritualität keine Gegensätze
mehr. Die Manifestation Deines wahren Du bestünde darin, Deine
Göttliche Liebe als eine herzenszentrierte Wahrheit und nicht als
einen kopfgesteuerten Glauben zu leben. Du würdest Dich und
Gott als Einheit erfahren, die beide Deinem ursprünglichen Selbst
entstammen, das primär emotionaler Natur ist und sich erst
sekundär durch deine Gedanken, deine Verhaltensweisen, Deinen
Körper und Deinen Gehirnstoffwechsel ausdrückt.
Ein solcher Pfad, der emotionale und spirituelle Reife anders
als jeder traditionelle, psychologische oder spirituelle Pfad defi -
niert, steht Dir jetzt zur Verfügung. Allerdings besteht er nicht
darin, das Licht zu suchen, wie man es Dir bisher gelehrt hat. Das
Licht erstrahlt beständig. Der einzige Weg, um Gott, das Selbst
und die Liebe zu erfahren, besteht darin, sich der Dunkelheit
völlig bewusst zu werden. Und die Dunkelheit besteht nicht aus
dem Bösen, sondern aus der Angst. Je mehr Du Dir Deiner dunklen
Angst und der Möglichkeit ihrer Heilung bewusst wirst, desto
mehr wirst Du jenes Licht erfahren können, das in Dir ist und
Dich ständig umstrahlt. Und eines Tages wirst Du fähig sein, jenseits
von Erleuchtung zum Zustand der Erherzung fortzuschreiten,
wo Du schließlich als lebendige Erfahrung die wahre Göttlichkeit
unserer Menschlichkeit und unseren gemeinsamen Pfad in dieser
himmlischen Welt entdecken wirst.
Bitte verlasse Dich dafür aber nicht auf mein Wort. Dieses
Buch gibt Dir vielleicht die Möglichkeit, in diese Thematik
hineinzuspüren
und einige dieser Realitäten selbst zu erfahren. Falls
sie in Deinem Kopf und Deinem Herzen Sinn und Bestätigung fi nden,
werden sich Dein wahres Du und mein wahres Ich eines Tages
vielleicht begegnen können. Wenn das geschehen sollte, wirst Du
Dich wieder daran erinnern, dass uns alle viel mehr eint als uns
trennt. Wir alle sind Kinder desselben elterlichen Ursprungs.
Wir sind alle Geschwister, die aus Liebe gezeugt wurden und ein
gemeinsames Ziel ansteuern.
Ich weiß nicht, wie es Deinem Du bei dieser Vorstellung ergeht,
aber meines kann diese Verwirklichung kaum erwarten!
Daniel |