Meditation kann einfach als ein Prozess definiert werden, der uns aus dem Dualismus heraushebt und in der Transzendenz unseres Mentalkörpers resultiert. Dies erlaubt in unserem Bewusstsein ‚Raum’, um schrittweise den Nondualen Aspekt Gottes zulassen zu können, der schon immer ein innewohnender Aspekt unseres Seins gewesen ist – ein ‚Zugang’ zu unserer bewusste Welt. Das schlussendliche Ziel der Meditation ist das Finden des Meditierers/Meditierenden, um dabei herauszufinden, dass der Meditierer/Meditierende nicht gefunden werden kann. Meditation beruht auf dem Mechanismus der Aufmerksamkeit, die auf den Moment zwischen dem Erleben einer Erfahrung und der auf Gedanken basierenden Registrierung dieser Erfahrung als eine Erfahrung ausgerichtet wird. Zwischen dem Machen oder Erleben einer Erfahrung und der Realisation, dass wir eine Erfahrung machen, lernen wir somit einen immer größeren Abstand zu haben und in diesem zu verweilen.

Traditionell buddhistisches Vipassana involviert drei Phasen sich immer weiter vertiefender Aufmerksamkeit. Durch die gewissenhafte und langfristige Beobachtung des Dualisationsmechanismus unseres Mentalkörpers lernen wir, ihn in Zeitlupe zu sehen. Wenn dies geschieht, fangen wir an die bisher unbewusste, zu Grunde liegende und leitende Dynamik seiner Funktion zu erfahren, statt nur die bewussten Auswirkungen wahrzunehmen.

In der ersten Phase geht es darum zu lernen, uns der äußeren, ‚harten’ Dualismen hyper-bewusst zu werden, die uns durch unsere fünf Sinne vermittelt werden. Das zu tun ist um einiges schwieriger als man denken mag. Es bedarf Jahre, um darin wirklich geschickt zu werden, wenn man bedenkt, wie viele Jahre wir damit verbracht haben, den Dualisationsmechanismus unseres Mentalkörpers als selbstverständlich anzunehmen und nicht zu bemerken, wie sehr er die Art und Weise beeinflusst, auf die wir Dinge erleben und damit auch unsere Reaktion auf das Leben - mal auf gröbere, mal auf subtilere Weise. Diese erste Phase wird von einigen als eine Funktion des Beobachtens des Atmens gelehrt, was uns erlaubt, alle weiteren, nach innen strömenden, internen oder externen Daten die wir erfahren können zu bemerken, aber uns gleichzeitig nicht zu sehr damit auseinander zu setzen.

Es ist wichtig anzumerken, dass es in wahrer Meditation niemals darum geht zu versuchen keine Gedanken zu haben oder nicht in Berührung mit den durch die fünf Sinne einströmenden Daten zu sein. Der Versuch den beiden zu widerstehen wird nicht funktionieren. Nur wenn wir uns weiter einlassen und unserer Erfahrungen hyper-bewusst werden, wird dies eines Tages verursachen, dass diese einströmenden Daten geringer werden und die Erfahrung der Nicht-Erfahrung des persönlichen Selbstes eintreten kann. Sich der Dinge hyper-bewusst zu werden, ist wie ein extrem intensives Inventorisieren all der Daten, die in unser Bewusstsein strömen. Seit der frühsten Kindheit haben wir gelernt, uns aus der vollen Bandbreite des Datenstroms auszuklinken, um mit dem Leben zurechtzukommen, ohne durch all das überwältigt zu werden, was unser dualistisches Bewusstsein aufnimmt. Mit dem Schärfen des Bewusstseins lernen wir, unsere mentalen, Daten unterdrückenden Reflexe zu lösen, so dass wir viel mehr der Lebensdaten wahrnehmen, die wir vorher unterdrückt haben.

Die zweite Phase involviert die Entwicklung der gleichen Art Hyper-Bewusstseins, nur jetzt in Bezug auf die mehr inneren, ‚weichen’ Dualismen unseres sechsten Sinnes: Gedanken, Bilder und Gefühle, die in unserem Mentalkörper in Reaktion auf die Dualismen aufsteigen, die uns von unseren fünf physischen Sinnen vermittelt werden. Dies ist eine weitaus verfeinertere Aufgabe als die Hyper-Inventorisierung der äußeren Daten, die durch unsere fünf Sinne einströmen, weshalb diese Phase zuerst kommen muss, um die Konzentrationsmuskeln des Ausgerichtetseins auf einen Punkt („one-pointedness“) aufzubauen.

Man könnte auch sagen, dass unser Verstand wie eine Glühbirne ist, die gleichzeitig in alle Richtungen Licht ausstrahlt. Das Ausgerichtet Sein auf einen Punkt in diesen ersten beiden Phasen der Meditation ist so, als würde man diese uneffiziente Glühbirne in einen Laserstrahl verwandeln, der sehr, sehr effizient für uns arbeitet. Wir brauchen so viel konzentriertes Sonnenlicht wie wir bekommen können, um all die aberwinzigen Wege und Art auszuleuchten, auf die unser Dualisationssystem sich nur in Bezug auf externe, durch die fünf Sinne vermittelten Reize oder innere, durch Gedanken, Bilder und Gefühle vermittelte Reize ergibt. Diese kleingliedrigen Wege des Dualisationssystems machen alle zusammen unsere Erfahrung dessen aus, was unser Mentalkörper uns als ein Ego oder persönliches Selbst vermittelt. Und um auf diese kleingliedrigen Arten und Weisen zielen zu können, brauchen wir einen Laserstrahl des Bewusstseins, da die Glühbirne nicht ausgerichtet oder intensiv genug ist, um dies zu bewerkstelligen.

Anders gesagt geht es in der Aufmerksamkeitsmeditation darum zu lernen zu beobachten, wie jeder innerer Stimulus in der Form von Gedanken, Bildern und Gefühlen oder jeder externe Stimulus, wie der Anblick von Dingen, Gerüche, Geräusche, Geschmäcke oder Berührungen einen Anfang, eine Mitte und ein Ende hat und endlos aufsteigt und vergeht, immer und immer wieder. Dann fängt man an, nicht mehr die Gedanken in ihrem Aufsteigen, Blühen und Vergehen zu beobachten, sondern die Lücke zwischen dem Ende eines Gedankenstroms und dem Anfang des nächsten.

Wenn man sich auf die Lücke zwischen den aufsteigenden Gedanken fokussiert, dann wird diese immer größer und dauert länger. Und je mehr wir uns auf die Lücke ausrichten, desto mehr fangen wir an, uns mit diesem Lückenraum zu identifizieren, statt mit dem aufsteigenden Gedankenstrom. Wenn man darin geschickter wird fängt man an zu bemerken, dass unsere Erfahrungen dieses kurzfristig aufsprudelnde Aufsteigens und Vergehens das definiert, was wir unser individuelles Ego genannt haben, da das, was wir unser persönliches Selbst genannt haben, nur in direktem Bezug auf dieses kurzfristig aufsprudelnde Aufsteigen und Vergehen von Gedanken, Bilder oder Gefühle in Reaktion auf externe Umweltreize aufsteigt. Wie bereits gesagt, wird das Empfinden unserer persönlichen Selbstseins dadurch ebenfalls zu einem kurzfristig aufsprudelnden, aufsteigenden und vergehenden Ding, das unwiderruflich an Objektbeziehungen jeglicher Art gebunden ist.

Die dritte Phase von Vipassana ist einfach die graduelle ‚Absorbtion’ in die Nondualität oder das Jnana dessen, was wir unser persönliches Selbst nennen, womit es in gewissem Sinne auch zur Nondualität wird. Genauer gesagt bricht die Nondualität entweder schrittweise oder plötzlich durch den Damm unseres dualisierenden Mechanismus des durch den Mentalkörper vermittelten Selbstseins, den wir durch Meditation und radikale Selbstbefragung langsam dekonstruiert haben.

Am Anfang von Vipassana beobachten wir also wie Gedanken und Gefühlsreaktionen aufsteigen, die den Raum unseres Beobachtens füllen, was wie ein niemals endender Inhaltsstrom wirkt. Wenn wir unsere Praktik vertiefen, wird die Zeitspanne zwischen dem Aufsteigen von Gedanken und Gefühlsreaktionen länger und länger, bis die Gedanken und Gefühlsreaktionen weitaus weniger vorherrschend sind als die Zeit zwischen dem Aufsteigen. Die Zeitspanne dazwischen wird zu einer Art leeren Inhaltes in sich selbst, den wir auf die gleiche Art und Weise weiter beobachten. Schließlich fangen wir an, mit dem leeren Inhalt zu verschmelzen. Wenn diese Phase erreicht ist, führt die wiederholte, radikale Selbstbefragung auf den Ebenen der Seinsheit, des Einsseins und Nichtseins, die wir die ganze Zeit in Verbindung mit dem Meditieren verfolgt haben, immer tiefer und tiefer. Die Kombination der beiden schafft eine wachsende Unruhe bezüglich der Beschaffenheit dessen, was wir unser Ego oder Selbst genannt haben, bis die schreckliche Angst vor der Vernichtung des Selbst anschwillt.

Theohumanitas bietet auch eine weitere Art meditativer Praktik an, die Avrassana genannt wird. ich habe die Avrassana Meditation entwickelt, als ich selber in meiner eigenen Vipassana Praktik an eine Grenze gestoßen bin. Avrassana unterscheidet sich dadurch von Vipassana, dass wir nicht darin geschult werden in uns zu beobachten, wie die unbeständigen Gedanken und Gefühlsreaktionen aufsteigen, blühen und vergehen. Statt dessen lernen wir diese Unbeständigkeiten als etwas zu erleben, das von ‚oben’ oder ‚über uns’ herabfällt und ‚verbrennt’, bevor es in uns landet und registriert wird - genau wie Meteoriten, die vom Weltraum in die Erdatmosphäre fallen und verbrennen, bevor sie auf dem Boden aufprallen. Abhängig von unserem Charakter und Temperament, kann Avrassana oft helfen viel schneller an einem Ort innerer Stille anzulangen und diese Stille weitaus länger halten zu können, als mit Vipassana. Insgesamt ist eine Kombination der beiden zu unterschiedlichen Zeitpunkten sehr hilfreich.

Zusammengefasst ist das Ziel der Weisenschaftspraxis im Zugang zum Nondualen Aspekt Gottes folgendes: mit unserer eigenen, persönlichen Erfahrung das zu entdecken, was der Mentalkörper niemals berührt. Ein wahres Erwachen gegenüber diesem Aspekt Gottes klammert sich weder an dualistische Formen, noch an transzendentale Freiheit und haftet weder an Anhaftung noch an Nicht-Anhaftung an. Das Motiv für eine wahre Weisenschaftspraxis kann weder das Streben nach der Befreiung aus dem Rad der Wiedergeburt, noch das Transzendieren der Illusion des Egos, noch das Erlangen von Gelassenheit oder tiefgehenden, existentiellen Einsichten sein. Unsere Motivationsgrundlage für diese Praktik kann keine Vorstellung eines Ergebniszustandes oder Zieles enthalten. Es kann nur ein auf einen Prozess ausgerichtetes Motiv sein, nämlich die Angst vor dem Verlust unseres Empfindens von und der Identifikation als ein persönliches Selbst oder Ego zu heilen, während wir das Ergebnis dieser Heilung sein lassen, was es sein mag - etwas Unbekanntes, was wir uns in keiner Form vorstellen können, ohne ihm damit eine bestimmte Qualität zu geben, genauso wie es für jeden anderen zukünftigen Moment ist.

Auf dem Weg des Weisen kann sich kein Mensch von innen heraus definieren, genauso wenig, wie das Auge sich selbst sehen kann. Der Verlust dessen, was das Empfinden allen Drinnens („withins“) und Draußens („withouts“) erschafft, ist der einzige Weg um zu wissen, dass der Mentalkörper niemals irgendetwas wissen kann, was nicht in den Rahmen seiner herrschenden Dynamik fällt, wodurch er uns eine Welt vermittelt, die von dualistisch-operativen Parametern begrenzt ist und Das ausblendet, Was vor unserem Sein existiert, wie auch unsere Unfähigkeit, jemals vollständig um das Mysterium zu wissen, von Dem aus die Essenz oder Existenz unseres Seins aufsteigt. Keinerlei Art einfacher, nach innen oder außen gerichteter Beobachtung wird uns vom Joch der Knechtschaft gegenüber dem Mentalkörper befreien, da beide Arten des Nachforschens ein Teil dessen sind, was wir verlieren müssen um jemals das zu wissen, was wir nicht wissen.

Somit entspricht jeder Moment dem Anfänger-Geist („beginner's mind“) des nicht Wissens, jeder Atemzug dem Atemzug des Anfängers („beginner's breath“), der nicht weiß, ob der nächste Atemzug kommen wird, jeder aufsteigende Moment dem zarten Samen einer zukünftigen Blüte, der sich danach sehnt sich durch die Erde seiner Geburt zu einem unbekannten Ziel in der Luft und dem Licht hindurchzudrängen.

Hier sehen wir nichts und alles als das Gleiche, erleben die Realität nicht als Einheit miteinander verbundener Stücke sondern als ein permanent hervorkommendes Aufsteigen von Ihm Selbst, wo Bedauern und Freude sich identisch anfühlen, wir im selben Moment aufstehen und schlafen gehen, geboren werden und sterben und im selben Atemzug für alle Ewigkeit wiedergeboren werden. Auf diese Weise verkörpern wir schließlich eine Erfahrung, in der Das, Was wir nicht fassen können uns hält, Das, Worum wir nicht wissen können um uns Weiß und Das, Was wir niemals sein können als unser wahrhaftigstes Sein lebt.

 

 

 

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